Die Farben des Lebens


In einem fernen Land lebte einmal ein Mädchen. Die Fäden der vielen Mythen, Sagen und Legenden umwoben dieses Land. Viele Götter und Göttinnen, Hexen und Zauberer, Feen, Geister, Magier, Wunderheiler, Himmel und Hölle verhüllten es mit einem geheimnisvollen Zauber. Es gab nichts was man hier nicht finden konnte. Das Schönste und das Abscheulichste, das Niedrigste und das Höchste, alles lebte hautnah nebeneinander und schien seinen Platz zu haben.

 

Jeder der hier geboren wurde, bekam einen Farbtopf. Mit diesen Farben konnte man sein Lebensbild nach Lust und Laune malen. War das Bild fertig, dann nahm man es mit in den Himmel und hängte es dort auf. Wenn man diese vielen Bilder in den riesigen Hallen des Himmels betrachtete, so merkte man, wer die Farben sorgfältig gewählt, sich viel Zeit genommen hatte, mit wie vielen Farben und mit wie viel Liebe das Bild gemalt wurde.

 

Das Mädchen, von dem am Anfang die Rede war, musste auch einen Farbtopf bekommen haben. Aber wo war er? Hat sie ihn verloren oder hat sie ihn nie bekommen? Man sah sie nie mit Farben am Bild arbeiten. Alle anderen hatten schon so viele bunte Bilder und ihr Bild blieb leer und leblos. Wie gerne hätte sie auch mit Farben und Formen gespielt, aber wie? Mit fremden Farben? Nein, das gehörte sich nicht und dann wäre es nicht dasselbe gewesen. Das Mädchen wurde immer trauriger und fühlte sich einsam und zog sich immer mehr zurück.

 

Keiner beachtete das Mädchen, denn jeder war mit seinem eigenen Bild beschäftigt. Am liebsten wäre sie aus Trotz und Schmerz wieder zurückgegangen woher sie kam, aber irgendetwas in ihr wollte nicht so schnell aufgeben, wollte mit Farben und Formen spielen und mit ihnen eins werden.

 

Eines Tages beschloss sie, sich auf die Suche zu begeben. Sie wanderte durch viele Städte, Dörfer, Wälder, Täler und überquerte unzählige Flüsse aber nirgends fand sie ihren Topf. Erschöpft und müde ließ sie sich unter einem Baum nieder und wollte nichts mehr von ihren Farben wissen. Zusammengekauert und eingerollt fiel sie in einen tiefen Schlaf. Man weiß nicht, wie lange dieser Schlaf dauerte, eine Nacht, viele Nächte oder eine Ewigkeit? Plötzlich sah sie sich von Lichtstrahlen umgeben. War es ein Traum oder die Wirklichkeit? Und dann sah sie eine Gestalt, eine Frauengestalt von der Baumkrone auf sie zukommen. Mit warmen und herzlichem Lächeln sprach sie: „Komm und folge mir. Ich möchte Dich an einen Ort führen, wo Du Deine Farben selber zusammenstellen kannst. Es ist keine leichte Arbeit, aber wenn Du genug Kraft, Geduld und Mut hast, dann kannst Du es schaffen“.

 

Als das Mädchen die Augen öffnete, befand es sich in einem Garten voller Blumen, in allen Farben und Formen. In der Mitte des Gartens befand sich ein Topf. Als sie neugierig den Topf in die Hand nahm, hörte sie eine Stimme aus dem Inneren des Topfes: „ Ich bin ganz leer und ausgetrocknet. Sei so lieb und füll‘ mich mit den Tautropfen dieser Blumen und ich werde wieder leben. Ich muss randvoll sein, bevor der Winter kommt. Beeil Dich bitte“.

 

Das Mädchen nahm den Topf, lief von Blume zu Blume und sammelte eifrig und behutsam die Tautropfen. Zum Glück gab es viele glockenähnliche Blumen und Blätter, die viel Tau in sich hielten. Trotzdem war es eine mühsame Arbeit. Tag für Tag sammelte sie die Tautropfen und der Topf war noch immer nicht voll. Manche Nächte waren so trocken, dass sie in der Früh keinen einzigen Tautropfen fand. An manchen Tagen war es so heiß, dass die Sonnenstrahlen einiges davon in sich hineinsaugten. Es war manchmal zum Verzweifeln. Am liebsten hätte sie dann diesen nimmer vollen Topf in die Ecke geschleudert.

 

Die Tage vergingen und der Herbst kam. Bald wird der Winter kommen und alle Blumen und Blätter werden verschwinden. Das Mädchen strengte sich noch mehr an. Sie ließ jeden Tropfen behutsam in den Topf gleiten. Kein einziger Tropfen entging ihr.

 

Langsam verabschiedeten sich die Blumen und Blätter von ihr und der Garten machte sich für den Winterschlaf bereit. Der erste Schnee fiel und der Topf war noch immer nicht voll. Das Mädchen weinte vor Schmerz und Trauer. Die Tränen rollten ihr über die Wangen und fielen langsam in den Topf hinein. Wie ein Wunder füllte sich der Topf bis zum Rand und die Farben aller Blüten lachten ihr entgegen. Wie schön, lebendig und vielfältig waren doch diese Farben. Das Mädchen tanzte vor Freude und Glück.

 

Rundherum glücklich und fröhlich lebte sie von nun an und wenn ihr Bild noch nicht in der großen Halle des Himmels hängt, dann malt sie heute noch mit ihren Farben daran.

 

 (aus Indien)