SeelenMärchen - Schmetterling


Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, in einem Land vor unserer Zeit eine sehr kluge und man könnte beinahe sagen, weise Frau. Sie lebte in ihrem kleinen Häuschen, weit draußen vor der Stadt und kam nur ab und an unter die Leute um ihre Vorräte aufzufüllen.

 

Eines Tages klopfte es an ihrer Tür und als sie öffnete, stand davor ein riesiger bunter Schmetterling. Wie wir ja wissen, erstrahlen Schmetterlinge in den schönsten Farben. Dieser Schmetterling aber hatte seinen Glanz verloren und sah die kluge weise Frau mit traurigen Augen an. Er sprach zu ihr: „Frau, ich habe gehört, du besitzt wundersame Kräfte und hast auch allerlei Kräuter mit denen du Heilung bringen kannst?"

Als sich die kluge weise Frau von ihrer Überraschung erholt hatte, dass vor ihrer Tür ein Schmetterling stand und mit ihr sprach, antwortete sie ihm:

"Ja, mein Lieber, ich bin überrascht dich hier zu sehen. Es ist nicht alltäglich, dass ein sprechender Schmetterling bei mir vorbeischaut. Ich kann dir schon helfen, komm nur herein in meine bescheidene Behausung." Sie öffnete ihm die Tür und herein flog er, der glanzlose, traurige Schmetterling.

"Was fehlt dir denn?" fragte die weise Frau. "Ach liebe Frau, ich habe meinen Glanz verloren und überall auf meinen Flügeln breiten sich lauter kleine Blasen aus. Das Fliegen wird mir zur Qual und ich fühle mich erschöpft und benommen."

Die Frau sah sich die Stellen mit den Blasen an den Flügeln des Schmetterlings lange an. Als sie mit ihrer Begutachtung fertig war, holte sie ein Fläschchen mit einer leuchtenden Flüssigkeit hervor, ließ diese über die Flügel des Schmetterlings laufen und fing dabei zu singen an. Ihre glockenhelle Stimme erzeugte überdimensionale Schallwellen, die der Schmetterling am gesamten Körper zu spüren begann. Sein Körper schwang mit den Klängen des Gesanges hin und her. Die Wellen erzeugten in ihm das Gefühl reinster Liebe.

 

Liebe, die so rein ist, wie der klarste Gebirgssee nicht sein kann.

Liebe, die so vollkommen ist, wie die Vollkommenheit selbst nicht sein kann und

Liebe, die so verbindend ist, wie keine Verbundenheit auf dieser Erde je sein wird.

 

Langsam begannen sich die Blasen auf den Flügeln des Schmetterlings aufzulösen. Die Flüssigkeit breitete sich über seinen gesamten Körper und seinen Flügeln aus und erzeugte einen silbrigen Glanz. Der Schmetterling begann wieder in den schönsten und buntesten Farben zu leuchten. Gestärkt richtete er sich auf und breitete seine Flügel aus. „Oh, wie wunderschön ich nun bin“, sprach der Schmetterling. Seine Traurigkeit war verschwunden, denn er spürte wieder die pulsierende Lebenskraft in seinem Körper fließen.

 

„Liebe Frau, welches Zaubermittel hast du angewendet?“ fragte der Schmetterling.

„Mein lieber Schmetterling," antwortete die weise Frau. "Du hast dir eine riesige Menge trauriger und verwirrender Gefühle der Menschen auf deine Flügel geladen. Du konntest sie aber nicht mehr loswerden, weil du vergessen hast, sie durch dich hindurchgehen zu lassen. Weißt du denn nicht lieber Schmetterling, dass du das Verbindungsglied der Menschenwelt in die geistige Welt bist? Überall dort wo du auftauchst, können sich Menschen, die reinsten Herzens sind, mit der geistigen Welt verbinden. Achte auf dich und sei vorsichtig wohin du dich begibst. Es gibt Orte hier auf dieser Welt, an denen du dich besser nicht aufhalten solltest. Du spürst diese sehr genau, deine Intuition lässt dich dabei nicht im Stich. Dort bist du anfällig für jegliche Aufnahme dieser traurigen und verwirrenden Gefühle und kannst ihnen nicht entfliehen. Ich habe sie für dich jetzt umgewandelt.“

 

Der Schmetterling nickte, denn er konnte sich wieder daran erinnern wer er war und welche Aufgabe ihm in dieser Welt zugedacht war. Nur einen kurzen Moment lang hatte er nicht auf sein Herz gehört und war in die Falle der Verwirrtheit getappt. Doch jetzt spürte er sein Herz wieder kraftvoll pulsieren und die darin wohnende reinste Liebe.

 

Er bedankte sich herzlichst bei der weisen Frau, breitete seine nun wieder glänzenden und voll einsatzbereiten Flügel aus und flog durch die geöffnete Tür der Sonne entgegen.

 

Gerda Strauß